Marc-K

Niemals den Mann spielen, immer nur den Ball!

Jo Achim Werner im Gespräch mit Marc Melchert.

Ein Interview zum Thema “BESCHÄMUNG”:
Die Unterscheidung zwischen Person und Projekt im Umgang mit den Kindern

Dr. Marc Melchert ist Psychotherapeut und lebt und praktiziert in der Nähe von Zürich.
 Jo Achim Werner hat mit ihm über das Thema „Beschämung“ gesprochen.


Frage: Marc Melchert, schon mehrfach ist in unseren Gesprächen das Stichwort „Beschämung“ aufgetaucht. Was ist eigentlich Beschämung und wie entsteht sie bei Kindern?

Melchert: Die Beschämung entsteht, wenn das Kind in einer Weise kritisiert wird, dass das Kind es als eine Kritik an seiner Person empfinden muss und nicht etwa an seinen Handlungen.
Ich finde, es gibt eine gute Analogie im Fussball: Wenn man nämlich auf den Mann spielt und nicht auf den Ball. Die Gefahr, den Gegenspieler zu verletzen, ist dadurch sehr groß. Wenn aber auf den Ball gespielt wird, kann der Ball verloren gehen, vielleicht schießt der Andere ein Tor, aber niemand wird verletzt, es bleibt ein Spiel.

Frage: st Scham denn so negativ?

Melchert: Scham ist eigentlich ein gesundes Gefühl, es erinnert uns daran, dass wir in einer Gemeinschaft leben und somit uns an Grenzen halten sollen. Beschämt fühle ich mich dagegen, wenn ich an meinem Wert für die Gemeinschaft zu zweifeln beginne. Wieder ein Beispiel aus dem Fußball: Wenn ich ausrutsche, umknicke oder mich wie auch immer ohne Einfluss eines Gegenspielers verletze, ist das vielleicht sehr schmerzhaft, aber es bleibt beim Schmerz. Anders ist es, wenn mich der Gegner durch eine „Blutgrätsche“ verletzt. Das verletzt den Körper und die Würde, denn er hat mich getreten und nicht den Ball, da hört es auf, ein Spiel zu sein.

Frage: Wie sollten sich denn Eltern ihren Kindern gegenüber verhalten, um sie nicht zu beschämen?

Melchert: Sie können Kinder in der Sache kritisieren, im Sinne einer Hilfestellung, es besser machen zu können. Das wäre dann eine Aufwertung weil es voraussetzt, dass sie dem Kind etwas zutrauen und ihm helfen wollen. Wenn Eltern statt der Handlung oder des Projektes das Kind als Person kritisieren, verliert es ein Stück der eigenen Persönlichkeit und seiner Würde. Das Kind wird selber zu einem Projekt der Eltern, statt dass die Eltern zusammen mit dem Kind an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Wenn die Eltern mit dem Kind kritisch an einem gemeinsamen Projekt arbeiten, fühlt sich das Kind als einen wertvollen Partner. Das Kind lernt Schwierigkeiten auszuhalten und entwickelt eine Widerstandskraft gegen anfallende Probleme, wir nennen das Resilienz. Beim Kind kommt an: „Ich helfe Dir, dieses schwierige Projekt zu bearbeiten!“ Wenn das Kind immer wieder als Person kritisiert und in Frage gestellt wird, hat das unter Umständen zur Folge, dass das Kind mit der Zeit eine Selbstwertstörung entwickelt. Es verliert das Vertrauen in die eigene Person, und die Fähigkeit sich selber einen Wert zu geben.

Frage: Woher kommt der Zusammenhang zwischen der Selbstwert- und der Bindungsstörung?

Melchert: Der Ausgangspunkt ist das Gefühl der Minderwertigkeit. Ein Mensch der mit dem Gefühl aufwächst, ein Projekt seiner Eltern zu sein und nicht ein eigenes Wesen, verliert die Fähigkeit als Person zu anderen Personen in Beziehung zu treten. Die Beziehungen sind dann immer zweckgebunden. Wenn Eltern selber Probleme haben mit ihrem Selbstbild und unsicher sind über den eigenen Wert, brauchen sie die Leistung und den Erfolg des Kindes, um den eigenen Wert zu verbessern. Wenn also das Kind keinen Erfolg hat, dann wird das zum Misserfolg der Eltern, denn das Kind soll die Selbstwertstörung der Eltern ausgleichen. So werden Selbstwertprobleme zu Beziehungsproblemen, die von Eltern zu Kindern weitergegeben werden.
Also liebe Eltern, schauen sie sich das Projekt des Kindes mit dem Kind gemeinsam an. Und, wenn das Projekt noch unfertig und fehlerhaft ist, stellen sie das Projekt in Frage. Achten sie darauf nicht das Kind oder noch schlimmer sich selber als Eltern in Frage zu stellen.

Frage: Was dürfen, was sollen Eltern denn von ihren Kindern verlangen?

Melchert: Alles wofür sie dem Kind helfen mögen, in sich selber eine Motivation zu finden. Sie dürfen wirklich viel verlangen, aber immer nur auf’s Projekt bezogen.

Frage: Wir haben auch einmal über die Frage gesprochen, was sollen, was dürfen Eltern tun, wenn das Kind Probleme mit dem Lehrer hat ?

Melchert : Wenn die Eltern sofort Partei für das Kind ergreifen, kann auch hier das Kind keinen Selbstwert entwickeln, denn es wird quasi verdinglicht. Es wird nicht als Person mit einer Schwierigkeit behandelt, sondern als Opfer das gerettet werden muss.

Frage: Das heißt, das Kind ist Waffe der Eltern im Konflikt mit dem Lehrer?

Melchert: Nein, umgekehrt: Die Eltern sind Waffe des Kindes. Es besteht so eine Art symbiotische Beziehung, die Eltern holen für das Kind die Kartoffeln aus dem Feuer. Es geht darum, die Ehre des Kindes, der Eltern, der Familie zu retten. Wenn die Lehrerin das Kind, die Persönlichkeit des Kindes beschämt, entwertet, dann müssen die Eltern dem Kind helfen. Wenn aber das Kind eine schlechte Leistung bringt und die Lehrerin ausschließlich die schlechte Leistung kritisiert, und dann die Eltern das Kind schützen, dann setzen sie tatsächlich die schlechte Leistung mit dem Kind gleich. Sie sagen dem Kind, wenn dein Projekt schlecht ist, bist du auch schlecht. Wir helfen dir. Du bist schlecht, aber wir schützen dich.
Die Eltern müssen sich immer in die Mitte zwischen Lehrern und Schüler stellen, bestenfalls in die Mitte. Und sie können dem Kind vermitteln, dass sie ihm helfen, einen unangenehmen Lehrer auszuhalten. Es gibt vielleicht keinen Weg, die Schule zu wechseln. Sie sagen dem Kind: Wir unterstützen dich, dass du diese schwierige Zeit durchstehst. Du kannst das und wir helfen dir. Sie geben damit dem Kind einen Wert, denn es muss etwas selber aushalten und das wiederum fördert die Resilienz. Die Eltern helfen, sie lösen nicht das Problem.
Eltern sollten von den Kindern ruhig einfordern, dass sie auch mal etwas aushalten können, das unangenehm ist. Also dranzubleiben, nicht aufzugeben, das nennen wir die Objektkonstanz.
Die Unterscheidung zwischen Mensch und Projekt ist ein Schlüssel. Wenn keine Unterscheidung zwischen Kind und Projekt besteht, dann wird langfristig auch die Bindung gestört. Denn es entsteht keine Bindung zwischen Subjekten, also zum Beispiel zwischen Vater und Sohn, anders gesagt: der Vater sieht das Kind als Projekt, nicht als Mensch.

Frage: Da ist ein Kind, das ist bis zur 11. Klasse gekommen und jetzt entscheidet dieses Kind, ich will das nicht mehr, ich will kein Abitur machen. Ich will jetzt eine Ausbildung machen, ich will Tischler werden. Das Kind hat sich vielleicht in der Schule gequält, ist vielleicht sogar schon einmal sitzengeblieben.

Melchert: Ich würde folgendes sagen: „Tischler ist ein schöner Beruf. Ich kann das nicht, aber ich kann verstehen, dass man sich dafür begeistert. Was mir Sorge bereitet ist die Tatsache, dass du kurz vor Erreichen deines Zieles aussteigst.“ Der Jugendliche hat Angst, wenn er das Abitur bestehen würde, darf er nicht mehr Tischler werden, und er muss seine Identität aufgeben. Ich würde ihm sagen: „Wenn du das Abitur geschafft hast, kannst du Tischler werden. Ein Tischler mit Abitur hat viel bessere Möglichkeiten. Du kannst später, wenn du Lust hast, an die Kunsthochschule gehen.“ Wenn ich aber eine Polarität herstelle, wie – Tischler gegen Abitur, wird er keine Motivation finden für das Abitur. Er muss in die Opposition zu den Eltern gehen, um damit seine eigene Identität zu retten.
Aber auch hier: Wenn ich mir klar mache, dass er nicht meine Ziele erfüllen muss, rede ich mit ihm über sein Projekt, also den Wunsch, etwas Handwerkliches zu machen. Ich würdige und respektiere sein Projekt. Ich sage ihm meine Meinung dazu, aber ich sage auch, Handwerk und Abitur sind keine Gegensätze, beides ist möglich.

Frage: An welcher Stelle entscheiden die Eltern, welches Projekt richtig ist? Zum Beispiel entscheiden in der Regel ja die Eltern, dass das Kind auf eine höhere Schule wechselt. Im Grunde wächst das Kind also aus einer Phase der Fremdbestimmtheit in eine Phase der Selbstbestimmtheit hinein. Wie also erkläre ich dem Kind, dass ich eigentlich möchte, dass es den Weg weitergeht, dass die Eltern vor vielen Jahren für es ausgesucht haben.

Melchert: Für mich steht über allem, dass ich dem Kind vermittle: Ich finde Dein Projekt (zum Beispiel ein Jahr vor dem Abitur die Schule zu verlassen und eine Tischlerlehre anzufangen) nicht gut. Das ändert aber überhaupt nichts daran, dass ich Dich als mein Kind liebe, unabhängig davon, wie ich Dein Projekt finde. Als Deine Mutter/Vater mit einer Reihe von Jahren an Lebenserfahrung empfehle ich Dir aber, noch ein Jahr in das Projekt zu investieren, an dem Du schon so lange arbeitest (nämlich das Abitur) und dann ein neues eigenes Projekt anzufangen. Diese Empfehlung gebe ich Dir aber nicht, weil wir unbedingt einen Akademiker in der Familie haben wollen. Ich ergänze Dein Projekt mit meinen Erfahrungen, ich würde Dir gern beim Gelingen helfen. Es sei denn, dein Projekt bedeutet, du willst Drogen nehmen und unter einer Brücke leben. Dabei kann ich dich nicht unterstützen, weil ich dich so sehr liebe.

Frage: Kann denn Beschämung auch daher rühren, dass das Kind spürt, meine Eltern halten mein Projekt für unwert?

Melchert: NEIN! Beschämung rührt dann daher, dass dem Kind signalisiert wird, es sei als Person unwert, weil es ein falsches Projekt verfolgt. Wenn die Eltern sagen, wir finden Dein Projekt falsch, aber Du bist ok., dann wird das Kind an Resilienz gewinnen und lernen, für sein Ding einzustehen. Wenn der Jugendliche entgegen dem Wunsch der Eltern das Abitur sausen lässt und Tischler wird, dann hat er zwar kein Abitur, aber an Charakterstärke gewonnen. Wenn er den Tischler aufgeben muss und dann beim Abitur am innerem Widerstand scheitert, hat er beides verloren.

Originalinterview:
auf dem Blog: “Erfolgreiches Lernen”
Beitragsbild:
Dr. Marc Melchert (Mitte) mit seinem langjährigen Freund Werner Hausheer (links) und dem Journalisten Heiko Petermann. Zusammen haben sie die Hördokumentation „Das Geheimnis glücklicher und erfolgreicher Kinder“ produziert, in der zahlreiche neue und alte Erkenntnisse aus Hirnforschung, zu frühkindlicher Bildung, zu selbstgesteuertem Lernen und vielen anderen Themen aus Erziehung, Bildung und Schule erörtert werden.
Foto:
Jo Achim Werner, 2014, Bilder wie Worte.

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