Nichts leichter als Das – Unfallsplitter
Erlebnisbericht von Dr. H.T.Hakl (HTH)
Kommentiert von Dr. Marc Melchert (MM)
Dieser Text wurde publiziert im Gnostika, Heftnummer 23 Februar 2003, AAGW-Gnostika.
H.T. Hakl
Ein Dankeschön an die beiden Ärzte und alle anderen, die mir beistanden.
Wunderschön war der Vormittag gewesen. Es hatte geschneit und ich war abwechselnd über Lichtungen und Wald auf die Bergkuppe gestiegen. Der Waldweg zurück war herrlich weiß zugedeckt. Stille ringsum bis auf das eigene eher prüfende Stapfen und den viel schnelleren und doch sichereren Taktschlag der Pfoten meines Hundes. Ich dachte schon an den Gasthof, wo ich essen wollte und stützte mich auf meine beiden Wanderstöcke, um eine etwas steilere Stelle anzugehen, die zu einem kleinen halb zugefrorenen Bach hinunterführte. Ein Schritt -und da: Mein linker Fuß glitt aus und rutschte weit nach vor. Unter der Schneedecke war eine Eisplatte verborgen gewesen. Automatisch rammte ich die beiden Stöcke in den Schnee. So rutschte ich zwar nicht weiter, aber da mein linkes Bein überhaupt keinen Halt mehr hatte, wurde mein Körper langsam in einer Rechtsdrehung zu Boden gezwungen. Dem konnte mein rechtes fixiertes Bein nicht standhalten. Des Gewicht meines Körpers im Fall war zu groß. Es knirschte laut auf und – jetzt zu spät – ließ ich die Stöcke los (Loslassen – so heißt schon die Botschaft des Buddha) und fiel seitlich in den Schnee. Daß etwas gebrochen war, darüber konnte kein Zweifel bestehen.
Was ich aber doch überraschend fand, war meine Gefühlslage. Während ich – wie gesagt – langsam zu Boden ging und mein Bein immer deutlicher knirschte, bis es „endlich“ nachgab, spürte ich einen zunehmenden inneren Frieden. Beinahe – aber das scheint mir doch zu ketzerisch – hätte ich gesagt, daß mich so etwas wie Befriedigung durchströmte. Die innere und die äußere Situation schienen auf einmal in Harmonie zu sein und alles war stimmig. Zwar stieß ich noch ein Schimpfwort aus, aber das hatte überhaupt keinen zürnenden, sondern bloß zusätzlich erleichternden Charakter. Ein kurzer Fluch schien mir einfach perfekt zur Situation zu passen. Filmvorbild?
M.Melchert
Medizinisch betrachtet ist es so, dass unter Stress, unter Angst, in einer Bedrohung und vor allem bei einem Trauma das Hirn die Möglichkeit hat zu dissoziieren. In diesem Zustand werden die Funktionen des motorischen Nervensystems, der Sinneswahrnehnung, der kognitiven Tätigkeit und ihr Zusammenspiel gestört. Es kann zur Anästhesie (Schmerzlosigkeit) und/oder zur Amnesie (Erinnerungslücke) oder zur Lähmung kommen. Das Nervensystem kann sich schützen, und die Reizüberflutung durch Auskoppelung vermeiden.
Sicher haben auch hier solche Phänomene mitgewirkt, aber so wie der Vorfall geschildert wird, mit dieser speziellen Wahrnehmungsqualität, handelt es sich hier eher um das Gegenteil, d.h. um eine Ent-Dissoziation oder in anderen Worten um eine Integration. Die Handlung (der Vorfall), die Körperempfindungen und die Gedanken werden gleichzeitig und koordiniert registriert. Es entsteht die Integration einer präzisen Wahrnehmung des inneren und äußeren Geschehens und der Gefühlslage in Zeitlupenqualität. Die Realität wird tatsächlich gelebt. Das erinnert an die „reine Wahrnehmung“, z.B. im zen-buddhistischen Sinne, welche immer beglückend ist, denn sie kennt keine Wertung, läßt sie ja das Ich außen stehen.
Betrachten wir das Geschehen nun auch aus der psychodynamischen Perspektive:
Traumatisierung, ob körperlich oder seelisch ist immer auch eine narzisstische Kränkung. Bei einer narzisstischen Kränkung, das heißt einer Störung oder Zerstörung des Selbstbildes oder des Selbstwertes driften Realität und Vorstellung (Idealbild, Wunschbild) vom Ich auseinander. Die vorgestellte „virtuelle“ Welt (im Zen-Buddhismus würde man sagen das „Mind-Concept», also das Bild, das sich das Ich von der Welt macht) entfernt sich von der Realität, weil die „Unvollkommenheit“ (im Vergleich zum Idealbild) der Realität nicht ausgehalten wird. Das Selbst weicht vor sich selber in ein „falsches Selbst“ aus, was dann zur narzisstischen Störung führt, das heißt zu einer Verzerrung des Selbst-Bildes und Selbstwertes. Es entsteht eine Identitätsdiffusion. Die Polarität zwischen der Realität und der virtuellen Welt erzeugt nun eine emotionale Spannung. Bleiben diese Gefühle unbewusst, denaturieren sie zu einer Angstspannung. Diese Angst löst dann die dissoziativen Vorgänge aus.
Bei einem Trauma oder bei einer Krankheit besteht aber immer gleichzeitig auch die Möglichkeit des Gegenteils: die Realität drückt auf einmal mit einer derartigen Mächtigkeit durch, dass keine Verdrängung mehr möglich ist. Die Differenz zum Ideal entfällt und damit auch die Angstspannung. Wir haben hier die gegenteilige Bewegung, d.h. die schon angesprochene Ent-Dissoziation, oder Integration. Das Selbst erlebt für einen Moment lang Integration, also das Einheitserlebnis von Körper, Seele und Geist oder in anderen Worten von Handeln, Denken und Fühlen. Damit ist auf andere Weise erreicht, was wir in der Meditation bewußt versuchen, durch Übung zu erlernen.
HTH
In guter Stimmung handelt man meist richtig. Ich rutschte auf dem Hinterteil das kurze steile Wegstück hinunter, richtete mich an den beiden nun äußerst praktisch gewordenen Stöcken auf und humpelte gleich los. Daß mein Bein binnen kurzem stark anschwellen und dann das Weitergehen nicht mehr so einfach sein würde, wußte ich. Ich bin ja öfters all-ein mit Hund in den Bergen unterwegs. So ging es – auf den Gegensteigungen im Schnee etwas mühselig – meinem Ziel, dem Gasthof, entgegen. Anfangs war der Hund allerdings etwas ungeduldig, weil ich ihm viel zu langsam war und er doch etwas mehr „action“ vorzieht. Dafür durfte er frei laufen. So stimmte die Welt auch für ihn, vor allem als wir ins Dorf kamen und er dort zwei Katzen nachlief.
Vom Gasthof rief ich dann Freunde an, die mich – Dank sei ihnen – abholten. Im Krankenhaus wurde mir dann eröffnet, daß ich zwar operiert werden müßte, aber die Heilungschancen sehr gut stünden. Der Segen der Ärzteschaft.
Masochismus ist kaum die Erklärung für meine damalige Gefühlslage. Mediziner würden wahrscheinlich eher von Endorphinen sprechen, die der Körper in Notlagen ausschüttet. Halte ich in meinem Fall aber für eher unwahrscheinlich, da ich keinen großen Schmerz empfand und sicherlich keinen Schock davon getragen hatte. Und auch den Rotwein trank ich erst beim Essen nachher in der Gastwirtschaft, als ich auf meine Freunde wartete. Am plausibelsten erscheint mir einfach die Erklärung, daß – so paradox es klingt – durch den Bruch etwas in mir „heil“ geworden war und zwar seelisch heil. Die zweifellos schon länger bestehenden psychischen Spannungen in mir waren wie weggeblasen, so als ob sie sich im Knirschen des Beines einfach entladen hätten, verpufft wie nach einer Explosion, die eben auch Schaden anrichtet. Innen und Außen waren damit wieder in Harmonie und ich zu-Frieden. Vielleicht streben wir Menschen doch weit mehr nach einer seelisch-körperlichen Einheit als wir selbst es uns wünschen, um auf diese Weise so etwas wie ein Eingebettetsein in ein größeres und höheres Prinzip zu spüren.
MM
Masochismus ist eine der Möglichkeiten, die erwähnte Kluft zwischen Realität und Ideal vom Ich zu überwinden. Der Masochist unterwirft sich dazu Ich-fremden Idealen und Vorstellungen. Das Eigene wird vergessen, die Realität verleugnet, die Wahrnehmung der Unvollkommenheit und somit der narzisstischen Kluft wird vermieden. Menschen mit schweren Charakterstörungen können sich dabei auch Selbstverletzungen zufügen, damit für einen kurzen Moment die auf sie einstürmende Realität so aufdringlich wird (Schmerz, Blut, Aufregung), dass die Kluft zum nicht erreichbaren Ideal nicht mehr erlebt werden muss.
HTH
Interessant ist hier auch die Frage der Sühne. War das mit diesem Eins-Sein verbundene Befreiungsgefühl darauf zurückzuführen, daß mit dem Unfall etwas „abgebüßt“ wurde? Das Unbewußte geht oft genug seltsame Wege und das Strafbedürfnis des „Über-Ichs“ hat ja schon Freud beschrieben. Daß sich dieses dann auf den Körper erstreckt, könnte mit der Jahrtausende alten Leibfeindschaft oder zumindest Leibfremde vor allem im Abendland zusammenhängen.
MM
Es ist sehr wahrscheinlich nicht das Über-Ich, das einen Unfall provoziert, sondern eher die gegen das Über-Ich rebellierende Instanz, die aus Trotz nachlässig und unkontrolliert agiert und so Gefahren übersieht. Ein sadistisches bestrafendes Über-Ich käme eher bei der Verarbeitung des Traumas ins Spiel. Unbewusste Schuldgefühle würden dann den Heilungsprozess stören. Die Verletzung, als Strafe erlebt, muss dann möglichst lange andauern, damit die Sühne auch die entsprechende Beachtung bekommt. Das gekränkte Selbst wiederum kann sich dann durch die so beachtete Sühne Geltung verschaffen.
Ödipus, der geschwollene Fuss, möchte, dass seine Urverletzung wahrgenommen wird und benützt den Moment der materialisierten Verletzung, wo eine Resonanz entsteht zwischen dem äusseren bewussten und dem inneren unbewussten Geschehen. Das aktuelle reale Geschehen und die im Unbewussten abgelegten unverdauten Erinnerungen können nicht auseinander gehalten werden und vermischen sich. So kommt es zur klassischen „hysterischen Reaktion“, oder moderner und besser gesagt: zur Dissoziation. In diesem Zustand ist Verarbeitung und Heilung nicht möglich.
Eine differenzierte Wahrnehmung und das Auseinanderhalten vom Inneren und vom Äusseren (von Biographie und Biologie), die präzise Wahrnehmung des Hier und Jetzt, haben im vorliegenden Fall hingegen Integration ermöglicht, das heisst Heilung und Reifung.
HTH
Ich durfte jedenfalls bald wieder heim vom Krankenhaus, mein Bein war zu sehr angeschwollen. Die Operation wurde erst in Wochenfrist angesetzt. Der Gips stabilisierte inzwischen nicht nur das Bein, sondern viel mehr. Mein Blutdruck z.B. senkte sich auf Werte, wie ich sie mir immer gewünscht hatte. Kein Wunder, wenn auf einmal so viel Kram wegfällt, den man jetzt selbst bei bestem Willen nicht mehr erfüllen kann. Und nicht einmal ein schlechtes Gewissen braucht man zu verdrängen. Endlich war es einmal völlig in Ordnung, es sich gutgehen zu lassen und z.B. lange zu schlafen oder das zu lesen, was man immer lesen wollte, sich aber nie zu lesen vergönnt hatte. Da war ja so viel „Wichtigeres“ gewesen.
Auch die Erfahrung der Langsamkeit konnte ich so machen. Nicht immer ist ja Hilfe in der Nähe und bis ich Krücken bekam, mußte ich doch einige Male mühsam am Boden entlangkriechen, um zu den Dingen zu kommen, die ich gerade benötigte. Da dies eine eher ungewohnte Art der Fortbewegung ist und man Schmerzen dabei vermeiden will, erfordert sie zudem die buddhistische Tugend der Achtsamkeit und Bewußtheit. Der ideale Ausgleich für Ungeduldige und damit für alle, die sich und ihre Tätigkeiten zu wichtig nehmen. Noch etwas bringt das Kriechen am Boden: eine völlig andere Perspektive. Ich möchte sogar meinen, daß auf diese Weise ein echteres „Eingeordnetsein“ zwischen Himmel und Erde erfahrbar wird. Man weiß sozusagen, wo man „steht“, wenn man am Boden liegt.
Das soll nicht heißen, daß es bei mir nicht auch zu einer psychischen „Tiefdruckphase“ kam. Sie trat ein, als der Termin der Operation näher rückte. Operationen haben einfach keinen guten Ruf. Lächerliche (für den operierenden Arzt, bei dem glücklicherweise Wissen und Routine das Mitleid bestens ersetzen) Urängste tauchen da auf. Aber auch sie lassen sich allmählich aufsaugen, wenn sich die Seele nur groß genug macht. Weite eben und nicht Enge (= lat. angustia =Angst). Verdrängen von Angst – durch dauernde Ablenkung – ist fast immer ein schlechter Ratschlag. Der Retourhieb kommt mit Sicherheit, aber meist unerwartet und von hinten. Wenn man die Angst jedoch tatsächlich in sich aufnimmt, indem man sich ihr ganz langsam und stetig öffnet, wird sie immer vertrauter und verliert den Zug des Fremden, Unheimlichen. Dann macht sie auch keine Angst mehr. Macht hat sie nur, solange Du sie fürchtest. Sobald Du ihr – im wahrsten Sinne des Wortes – Dein „Herz“ öffnest, wird sie zur intimen Freundin. Lächeln und Loslassen, das sind die ersten – allerdings beileibe nicht einfachen – Schritte.
Ruhige, aber tiefe Trauer war schließlich das Kennzeichen der erfolgten Umwandlung der Angst. Diese Trauer war eine gute, nährende Trauer, die man gerne gewähren läßt. Warum dabei allerdings gerade Trauer aufkam, ist mir unklar. Vielleicht war es die Trauer des Verlustes, des Verlustes der Angst also. Der Mensch will ja grundsätzlich rein gar nichts verlieren oder aufgeben, nicht einmal etwas, was er selbst als Elend qualifiziert. Denn dieses kennt man wenigstens schon, mit dem ist man vertraut und kann damit leben. Der Schritt ins Neue, Unbekannte, Fremde hingegen, ohne den man vom Elend nicht wegkommt, der löst viel mehr Angst aus. Da arrangiert man sich lieber mit den zwar fürchterlichen, aber wenigstens innig vertrauten Lebensumständen. Wie viele Frauen bleiben an den Mann gekettet, der sie schlägt und mißhandelt. Daher auch die geringe Erfolgsquote in der Psychotherapie, in Selbsthilfegruppen und bei sogenannten esoterischen Seminaren, die alle auf Reifeprozesse und somit Veränderung aufbauen. Nur wenn einmal ein furchtbarer Schicksalsschlag kommt und wirklich gar kein anderer Ausweg mehr offen steht, ist man offensichtlich erst bereit, sich selbst und damit auch den eigenen Ausblick auf die Welt grundlegend zu ändern.
Andererseits aber ist Trauer etwas völlig Natürliches im Yang und Yin unseres seelischen Lebens und damit auch nichts, was erklärungsbedürftig wäre. Nur, wenn wir die Trauer gewähren lassen, können wir wahrscheinlich auch Glücksgefühle völlig zulassen. Wie oft mag sich die Seele nach Trauer sehnen, ja sogar akuten Mangel daran leiden? Der tiefe Frieden, die große Ruhe nach bitteren Tränen beweisen es.
MM
Das Zulassen der Angst, das Aushalten der Angst, im Gegensatz zum Vermeiden(=Widerstand), ermöglichen es, dass sich genuine Gefühle manifestieren. Gefühle und Affekte, die vermieden werden, denaturieren zu Angst. Nur wenn man dieser Angst Raum gibt, können sich daraus die genuinen Affekte zurückentwickeln und so zur Wahrnehmung gelangen.
Eine Verletzung der Integrität, der vollständigen Funktionsfähigkeit also, führt zu Angst, handelt es sich doch um ein Verlusterlebnis, einen Abschied. Man weiss nicht, ob es jemals wieder so wird wie vorher. Veränderungen, Prozesse, Entwicklungsschritte, bewusste Konflikte: immer heißt es dabei Angst auszuhalten, denn zuerst einmal geht die Kontrolle verloren. Angst ist ja Information: sie muss erst übersetzt werden, und das ist nur dann möglich, wenn sie nicht vermieden wird. Wird sie hingegen ausgehalten, reift sie zu dem, was sie eigentlich ist, und die ursprünglich sie auslösenden genuinen Gefühle werden wiederum erlebbar. So in diesem speziellen Fall die Trauer.
Psychotherapie wirkt immer dann am besten, wenn die Angst bewusst gemacht wird und diese ausgehalten wird. Dann, erst dann, kann die Angst bearbeitet werden und nicht wenn Angst-Vermeidungs-Strategien erlernt werden. Die Angst, die im „Hier und Jetzt“ während der Therapie in der Übertragungs-Beziehung entsteht, ist die realste Information und somit die am besten zur Klärung geeignete. Die Gefühle, die so erlebbar werden, öffnen von alleine den Zugang zu vergessener Information. Die möglichst reine Wahrnehmung der Wirklichkeit und die Integration von Denken, Fühlen und Handeln (Körper-Seele-Geist) sind das gemeinsame Ziel von Psychotherapie und Meditation.
HTH
Doch nun zurück zu meiner Geschichte. Die zwei Monate Gips vergingen rasch. Meine Haupttätigkeit wickelt sich ja vornehmlich im Sitzen ab. Und das „geschützte“ Leben tat mir gut – bis auf die fünf Kilo, die ich zunahm. Doch schon zwei Wochen vor der Gipsabnahme merkte ich, wie der Blutdruck wieder zu steigen begann. Das Leben „danach“ warf bereits seine Sonn- und Schattseiten voraus. Einerseits die Vorfreude auf die Rückkehr in Berge und Natur. Auf einer tieferen, weniger hörbaren Oktave war jedoch auch etwas wie Bangigkeit vor der „normalen“ Welt zu spüren: vor den alten und lästigen Verpflichtungen, für die bald keine Ausrede mehr bereitstehen würde. Man sollte nicht glauben, wie „beschützt“ man sich hinter der harten Gipsschale fühlen kann, selbst wenn diese nur das Bein umfaßt. Übertrieben ausgedrückt (aber kann die Psyche übertreiben, wenn sie vielleicht doch, wie das der archetypische Psychologe James Hillman meint, von der Individualseele nahtlos in die anima mundi, die Weltenseele, übergeht?) könnte man je nach Umfang des Gipsgehäuses vielleicht sogar vom Anflug einer „regressio ad uterum“, einer „Rückkehr in den Mutterleib“, sprechen.
Hier ist mir ein Radiointerview des Dichters Gerhard Roth in Erinnerung geblieben. Es ging um seine jahrelange Depression. In bewunderungswürdiger Ehrlichkeit erklärte er, wie er Jahre zur Erkenntnis gebraucht hatte, daß seine tiefe Depression eigentlich „selbst“-gewählt war, da er sich in ihr in einem tiefen Sinne „wohl“-gefühlt hatte. Gab sie ihm doch Schutz vor allem, was außen lag. Zweifellos war er in seiner „Hülle“ allein und einsam gewesen, aber dafür war er „sicher“. Niemand konnte rechtens etwas von ihm verlangen. Erst als er sich von der „Süße“ seiner Krankheit selbst Rechenschaft ablegte und den „freiwilligen“ Isolationszustand beenden wollte, konnte ihm auch von ärztlicher Seite geholfen werden.
Schon rechtzeitig vor der Gipsabnahme bereitete ich mich also auf die „Nacktheit“ nach der bevorstehenden „Geburt“ aus dem weißen imaginierten „Mutterleib“ vor und übte das Gehen im „Kopf“. Ebenso wie sich heutzutage jeder Skirennläufer vor der entscheidenden Abfahrt vorbereitet und im Kopf alle Tore durchfährt. So wollte ich mir das „Geburtstrauma“ vieler Vergipster ersparen, die, nachdem der Gips weg vom Bein ist, es einfach nicht zu belasten wagen und voll Schmerz (imaginiertem und echtem) zusammenknicken. Ein Trauma, auf das dann meist etliche Wochen der Rehabilitation folgen, bis man das Hirn wiederum so weit hat, daß es das Bein richtig auftreten läßt. Einen so schweren Unfall, daß selbst die beste geistige Vorbereitung nichts nützt, hatte ich glücklicherweise ja nicht gehabt. Nach einer Stunde ohne Gips humpelte ich zwar noch, aber nach zwei Stunden ging es – mit Pausen – bereits ganz flott, auch ohne Krücken.
MM
Depression und Neurose sind Ausdrucksformen einer narzisstischen Störung, einer Störung in der Regulation des Selbstwertes und des Selbstbildes. Sie sind der Gips um die seelische Verletzung und um die Kränkungen des Selbstwertes. Sie schützen das Ich vor dem Erlebnis existentieller Angst. Diese existentielle Angst ist die Summe der denaturierten Gefühle, die entstehen, wenn die Realität nicht dem versprochenen oder erwarteten Idealbild entspricht, und wenn man erlebt, wie die eigene virtuelle Welt in persönlichen intimen Prozessen versagt.
Nur das Akzeptieren des Zustandes, so wie er ist, die Liebe zur Wirklichkeit (die Kraft, die wirkt) kann Denken, Fühlen und Handeln zu einem kohärenten und konsistenten Selbst integrieren und die Identitätsdiffusion heilen.
HTH
Drei Wochen nach Gipsabnahme, zwei Wochen nach Entfernung der Schraube im Fußgelenk und eine Woche nachdem ich auch die Wundnähte los war, versuchte ich, mich wieder mit Eis und Schnee zu versöhnen. Natürlich versöhnt man sich dabei nur mit sich selbst, die Natur ist bloß Projektionsfläche für den eigentlich inneren Riß. Ebenso wie sich die Jäger eines Naturvolkes mit dem „Geist“ des erlegten Jagdtieres wieder versöhnen und ihm ein Opfer darbringen, weil sie durch ihr Tun die heilige Ordnung der Natur ins Ungleichgewicht gebracht haben. So tut auch jedem Unfall – als Störung der Ordnung zwischen Verunfalltem und dem Außen – eine bewußte Versöhnung zur tieferen seelischen Verarbeitung nur gut.
Ich wählte also einen nicht zu langen (anfangs breiten) Bergpfad, den ich sehr gut kannte. Es schneite, der Hund trabte wiederum zufrieden an meiner Seite und mir – mir war mulmig. Als dann noch dichter Nebel einfiel und ich sogar eine Abzweigung verfehlte, wurde mir noch mulmiger, obwohl ich sofort wieder auf meinen Weg zurückfand. Von Versöhnung „mit den Naturgewalten“ jedenfalls keine Spur. Ich wollte nur schnell zurück zu meinem Auto, aber die Schmerzen im Bein durch die seelische und daraus resultierende körperliche Anspannung ließen es mir geraten erscheinen, mich – Decken und Unterlagen hatte ich mitgenommen – in den Schnee zu setzen. Der sanfte Schneefall beruhigte mich wieder einigermaßen und ich trank Wasser. Der letzte Teil des Weges war für die herrschenden Verhältnisse ziemlich eng und steil. Extrem vorsichtig und äußerst ungelenk – ich wußte ja nicht, ob unter dem Schnee noch Eis lag – bewegte ich mich talwärts. Furcht ist ja bekanntlich der ausgefeilteste Lehrmeister für tolpatschiges und damit hochgefährliches Benehmen. Aber alles ging perfekt. Als ich dann schließlich sicher im Gasthof saß, spürte ich die Anstrengung sogar im Magen.
Die Versöhnung mit Mutter Natur feierte ich eine Woche später bei einer wunderschönen Talwanderung, strahlendem Sonnenschein und blühenden Krokussen. Eis und Schnee wird es notfalls auch im nächsten Winter geben. Eine echte Versöhnung darf ihre Zeit brauchen.
Die Moral von dieser Geschicht‘ ist einfach genug: wer innerlich zerrissen ist, den kann es auch äußerlich zerreißen. Aber dann soll man wenigstens dankbar dafür sein.
H.T. Hakl
MM
Die Moral des Psychotherapeuten:
Alles, was wir bei der Meditation versuchen mühselig zu erarbeiten wird hier beim Sturz geschenkt: Ein Augenblick der reinen Wahrnehmung. Beim Heilungsprozess vergönnt sich der Patient die Liebe, die er sich normalerweise verwehrt: die Integration von Gedanken und Gefühlen passend zum inneren und äusseren Geschehen.
Das zersplitterte Selbst wird durch die Unfallsplitter wieder zusammengeführt.
Marc Melchert
Ein P.S. aus der privaten Korrespondenz, (nicht veröffentlicht im Gnostika-Artikel):
Buddhas 4 edle Wahrheiten angepasst auf Dein Unfall-Protokoll.
- Das Leben und das Wandern sind an und für sich unvollkommen.
- Es löst Angst aus dies zu erleben.
- Nur die Akzeptanz des Gipses kann die Angst überwinden helfen.
- Die dazu nötige Liebe, entsteht durch Übung, oder für den Glückspilz durch Zufall.
Marc Melchert