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Metaphysik der Angst

Metaphysik der Angst

Text von: Dr. Marc Melchert (MM)
Kommentiert von: Dr. H.T. Hakl. (HTH)

Dieser Text wurde publiziert im Gnostika, Heftnummer 12 Oktober 1999, AAGW-Gnostika.

H.T. Hakl

Erklärende Bemerkungen zu
Marc Melcherts «Metaphysik der Angst»

Eigentlich ist es falsch und gleichsam anmassend, zu einem solch rundum brillierenden und prägnantest formulierten Juwel an Analyse wie Dr. Melchert es liefert, mehr zu sagen als einfach „Hut ab“. Man erklärt schliesslich auch keinen Witz. Man versteht ihn oder man versteht ihn nicht. Und doch habe ich mich nach einigem Hin und Her entschlossen, ein paar Bemerkungen hinzuzufügen. Denn Marc Melcherts Aufsatz ist einfach so wichtig, dass man keinen einzigen Leser verlieren sollte. Angst ist bekanntermassen ein weitverbreitetes Phänomen. Nicht nur das: Angst tötet — den Geist, den Mut zu Neuem, das wundervolle Abenteuer unseres Lebens. Und Marc Melcherts Text ist für den „Uneingeweihten“ nicht gerade sofort verständlich. Seine Worte sind wie Hammerschläge, sie stehen da und kennen keinen Zweifel. Sie biedern sich nicht an und versprechen keine Bequemlichkeit à la modernes Marketing. Manche Leser werden sich dadurch abschrecken lassen. Das sollten sie aber nicht. Der Text birgt nämlich echte Lösungen, nicht einfache, aber machbare. Daher mein grundsätzlich unangebrachter Versuch, die Pointen des „Witzes“ aufzuzwirbeln, denn hat man einmal den Anfang des Knäuels, kann man den Faden weiterverfolgen und findet vielleicht aus dem Labyrinth hinaus ans Licht. Zu hoffen ist allerdings, dass meine Bemerkungen tatsächlich zusätzliche Halterungspunkte bieten und nicht nur nutzlos Ganzheiten aufbrechen. Mehr als einzelne Hinweise kann ich nicht geben, denn nicht einmal ein ganzes Buch würde ausreichen, die im Aufsatz enthaltene Erfahrung auszuschöpfen.

Ich kenne Marc Melchert seit über 25 Jahren. Damals war er noch nicht Arzt und arbeitete als Buchhalter, um sich sein Studium zu verdienen. Nach Beendigung des Medizinstudiums hat er sich sofort auf die Psychotherapie und auf die Betreuung psychologisch kranker Menschen spezialisiert. Jetzt hat er seine eigene psychotherapeutische Praxis in der Nähe von Zürich. Gemeinsame Wanderungen und viele Diskussionen haben mich überzeugt, dass er das Thema Angst von innen und von aussen kennt. Daher bin ich auch an ihn herangetreten und habe ihn gebeten, diesen Beitrag für GNOSTIKA zu verfassen. Das hat zwar gedauert, aber es hat sich gelohnt. Seine philosophische Anregung fand der Aufsatz übrigens in der Rezension von Ralf Liedtkes Buch Die Hermetik im GNOSTIKA Aprilheft 1998. Die nochmalige Lektüre dieser Rezension ist also gleichsam ein Eintrittsschlüssel und erleichtert mit Sicherheit das Verständnis. — Nun zum Eigentlichen:

Marc Melchert

Polarität

Polarität ist weder noch und sowohl als auch. Erst im Versuch, die Polarität zu kontrollieren, wird die Spannung als Konflikt erlebt. Spannung an sich ist Manifestation der  Polarität und gleichzeitig ist sie die Auflösung der Pole. Die Wahrnehmung verlagert sich auf den Konflikt und die Polarität verliert ihren ursprünglichen Sinn.

HTH

Die Polarität in unserer Welt ist einfach, wir können ihr nicht entkommen. Daher müssen wir beide Pole leben, sie beide sein lassen, nicht nur den einen oder anderen anstreben oder präziser: weder den einen noch den anderen aber auch sowohl den einen als auch den anderen. Polaritäten sind nicht sich ausschliessende Gegensätze, sondern notwendige Ergänzungen. Unser auf Gegensätzen beruhenden Denken erfasst das allerdings nur schwer und erträgt Unschärfe nur mit Mühe. Aber man denke an das bekannte Symbol von Yang und Yin, wo das Schwarze einen weisen Punkt und das Weisse einen schwarzen Punkt in sich birgt. Einatmung bedingt notwendigerweise Ausatmung. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar.

MM

Wahrnehmung

Wahrnehmung ist weder noch und sowohl als auch. Erst im Versuch die Wahrnehmung zu interpretieren, löst sich die Ganzheit der Wahrheit auf, und es entsteht Wertung. Wertung ist Gewichtung des einen Pols gegen den anderen. Wertung ist somit noch nicht oder nicht mehr reine Wahrnehmung.

Wenn wir unser Selbst wahrnehmen und dabei die immanente Polarität durch mentale Konzepte filtern, entsteht eine Konflikt-Spannung, die wir als Angst erleben. Die Wertung des Selbst schränkt die Ganzheit des Selbst ein und die Selbst-Wert-Problematik ersetzt das Selbst-Bewusst-Sein.

HTH

Gleiches gilt hier. Man soll die Wahrnehmung – Wahrnehmung sein lassen. Das unbefangene Schauen des Kindes. Da das nicht immer möglich ist, muss man sich wenigstens bewusst sein, dass man interpretiert, dass man wertet und dass solche Wertungen immer Mein-ungen und nicht Unser-ungen oder gar Wahrheiten sind. Das hebt uns auf eine „übergeordnete“ Ebene, die bedeutend mehr „Freiheit“ atmet, da sie „überpersönlich“ ist.

Unser nach Einheit strebendes spirituelles Zentrum, das Selbst, können wir im Denken nur polar wahrnehmen. Das heisst Spannung, die wir aushalten müssen. Besser ist es also, sie freiwillig auszuhalten, ja mit „Freude“ zu akzeptieren. Die Verschiedenheit, die Schattierungen, die Abwechslung sind als „positiv“ zu sehen. Entscheidet man sich in speziellen Fällen für einen Pol, wie das immer wieder notwendig sein wird, soll man den anderen trotzdem im Auge und Herzen behalten. Rein mentale Konzepte sind dem Selbst grundsätzlich nicht angemessen, da sie einer anderen, „niedrigeren“ Ebene angehören. Diese Beschränktheit muss man erkennen, dann erträgt man sie leichter, nimmt die daraus entstehenden Konflikte leichter und vermeidet so Angst.

MM

Empfindungen

Empfindungen haben in sich Polarität und bilden untereinander Polarität, sie sind weder noch und sowohl als auch. Erst im Versuch diese Polarität mit Wertungen zu kontrollieren oder zu interpretieren, werden Empfindungen widersprüchlich. Es entsteht ein Chaos der Empfindungen, das wir als Angst erleben.

HTH

Auch hier wiederum: Empfindungen befinden sich auf einer anderen als der mentalen Ebene. Ein Denken über sie kann ihnen niemals adäquat sein. Das Denken versucht immer, sich auf einen Pol zu konzentrieren und will eindeutig sein. Empfindungen enthalten aber als Ganzheiten beide Pole. Unterdrückt man im Denken einen davon völlig, wird er sich durch die Zerstörung der echten Empfindung rächen“. Man kann sich zwar bewusst für einen Polentscheiden, darf aber den anderen nicht missachten, verdrängen, leugnen.

MM

Widerstand

Widerstand ist noch nicht oder nicht mehr die Gesamtheit der Angst-Spannung. Divide et impera heisst die Maxime, denn im Widerstand wird die Spannung der Polarität nicht ausgehalten sondern bewertet. Die genuine Angst, wird nicht erlebt, sie wird ausgelebt, vermieden und unkenntlich gemacht. Während Angst Ausdruck vom Chaos der Empfindungen ist, ist Widerstand Ausdruck von der Vermeidung von Angst. Im Widerstand wird die Angst-Spannung gewertet und somit nicht mehr als solche wahrgenommen. Somit kann sich die Angst nicht zu den in ihr immanenten Empfindungen weiterentwickeln.

Angst kann sekundär auf Krankheit oder auf Objekte im neurotischen System bezogen werden. Sie wird externalisiert und ist nicht mehr genuine Angst sondern selber zu einer Variante des Widerstandes geworden. Potenziert sich dieser Prozess, entsteht Angst vor dem Widerstand, Angst vor der Angst. Akut erlebt und im Zusammenhang mit chronischer oder akuter Hyperventilation, entsteht so eine Panik-Attacke.

 

Psychosomatik

Das Chaos der undifferenzierten Empfindungen wird zu Angst-Spannung, diese Spannung wird zu Widerstand. Die im Widerstand aufgelöste Wahrnehmung der Polarität wird zu Ambivalenz und diese konvertiert zur Muskel-Spannung. Diese Spannung ist der Versuch das Chaos zu kontrollieren. Wenn antagonistische Muskeln unter Spannung stehen neutralisieren sie sich gegenseitig in der Wirkung, während beide aktiv sind. Es wird Kraft und Energie verbraucht und keine Wirkung erzielt. Es entsteht Ambivalenz, eine materialisierte Polarität, ein weder noch und sowohl als auch. Dabei wird die wirkungslose Spannung als Schmerz erlebt.

Dieser Widerstand kann  beispielsweise in der Atemmuskulatur zum Ausdruck kommen: Die Atemexkursion wird eingeschränkt, die Amplitude wird kleiner und kompensatorisch die Frequenz erhöht. Die Blockierung des Zwerchfells ist der Ausdruck einer vermiedenen Pendelbewegung, die Konversion eines Ambivalenzkonfliktes. Diese Fehlatmung führt zu einer momentanen oder dauernden Hyperventilation und damit zu einer Veränderung der Elektolyt – Zusammensetzung im Blut. Dies hat Konsequenzen im Zellstoffwechsel und in der nervösen Steuerung, und es entstehen akute oder chronische funktionelle Störungen.

HTH

Widerstand und Psychosomatik. Widerstand entsteht, wenn man versucht, Angst zu vermeiden. Doch Angst ist e ein Teil von uns und heischt nach ihrem Recht. Verdrängt man sie, wird sie im Untergrund stärker und bricht dann hervor, wenn wir sie am wenigsten brauchen. Man soll Angst so weit wie möglich aushalten, wohl wissend, dass sie ein Teil von uns ist. Vertrauen, Urvertrauen insbesondere beendet sie. Ein „freudiges“ Akzeptieren löst sie. Nur derjenige vermag den Tod zu „über-winden“, der ihn akzeptiert. Kampf und Widerstand sind sinn-los, was aber nicht heisst, sich in ein bodenloses Loch fallen zu lassen. Denn das würde bedeuten, dem eigenen negativen Vorurteil, also nur einem Pol, kraftlos nachzugeben und den positiven Pol nicht mehr zu sehen. Auf die Angst folgt übrigens oft Trauer. Auch die soll „freudig“ akzeptiert werden. Denn die Trauer, die der erfahrene Angstpraktiker, also nur bei entsprechender Zuversicht und Übung noch durch Musik oder (in der alchimistischen Terminologie) „korrosivische Wasser“ verstärken kann, schenkt fast immer Ein-sichten in die Entstehung der Angst und deren erstes Verdrängen.

Angst ist frei flottierend. Sie kann also dorthin gelenkt werden, wo wir „Schwachstellen“ haben oder befürchten. Das können Körperorgane sein, klassisch das Herz, das dann ohne unmittelbare organische Ursachen wie wild schlägt und als Angst vor einem Herzinfarkt diesen vielleicht sogar erst auslöst. Oder man spürt förmlich den Atemhauch des Verfolgers in der dunklen Strasse, sieht bösartige Dämonen in winddurchwehten Blättern, spürt die Decke des Zimmers oder Tunnels schon einstürzen usw. Diese abgeleitete — Angst kann sich also überall manifestieren. Und solange die echte — also frei flottierende — Angst nicht zu ihrem Recht kommt, wird sie sich so-fort anderswo festsetzen, wenn man ihren ersten Festpunkt mit klarem Kopf als nicht gefährdet erkannt hat. Das zu verstehen, halte ich für höchst- und allerwichtigst. Die einzelnen Punkte, wohin wir die Angst unbewusst dirigieren und wo wir sie folglich auch spüren, sind also gar nicht die Gefahrenstellen und vor allem sind sie nicht die wahren Ursachen der Angst. Nicht — um beim vorigen Beispiel zu bleiben — die physiologische Herzschwäche löst die Angst aus, sondern die Angst, deren „freien“, nicht irgendwo festhaftenden Zustand wir verdrängen wollen, sucht sich einen organischen Platz, in diesem Falle also das Herz, und übt über diesen Umweg ihre Herrschaft aus, so dass wir glauben, dass das Herz gefährdet sei. Die Angst wird nur auf das Herz projiziert oder — wie Melchert sagt — externalisiert. Das wahre Problem ist also gar nicht das Herz, sondern die ursprüngliche Angst = das Nicht-Aushalten der zugrundeliegenden Spannung zweier Pole. Ambivalenz heisst der Fachausdruck in der Psychologie. Darunter versteht man die Quasi-Unmöglichkeit, sich zwischen zwei Dingen zu entscheiden, die man — subjektiv — beide in gleichem Masse benötigt. Eine als notwendig erachtete Entscheidung zwischen Kind und Ehepartner kann ein solches Beispiel sein. Entweder man hält die Spannung aus — zeigt also beiden weiterhin Liebe — oder man entscheidet sich ganz bewusst für die eine Seite, wobei man aber die andere Seite nie und nimmer verdrängen darf. Man kann sie nur bewusst sublimieren oder sie bedeutungslos werden lassen. Das alles ist natürlich nicht einfach und erfordert eine gewaltige Bewusstseinsarbeit. Aber immer noch eine bessere Alternative als eine Neurose oder gar eine Psychose.

Die Externalisierung (Nach-aussen-Ver-legung) der ursprünglich inneren Angst führt zu körperlichen Veränderungen. Melchert schreibt von Muskelverspannungen und vor allem von der Hyperventilation. Bei Angst, das kann jeder an sich selbst fest-stellen, atmet man automatisch kürzer und flacher. Das nun führt zu einer chemischen Veränderung des Blutes. Diese wiederum findet ihren Ausdruck in Schwindel oder Übelkeit, wodurch die körperlichen Angstsymptome nochmals verstärkt werden und die schon gegebene Angst noch grösser wird. Ein „negatives Feedback“, um die Sprache der Kybernetik zu verwenden, also eine immer schneller werdende Spirale von Angst zu Panik bis zur Ohnmacht kann die Folge sein. Diese Spirale zu unterbrechen ist nicht einfach. Alkohol, Psychopharmaka, Drogen sind oftmals die Antwort. Für eine Übergangszeit verständlich. Als Dauerlösung (jetzt spreche ich nur von Psychopharmaka unter ärztlicher Aufsicht) ist so etwas nur in den allergrössten Notfällen zu verantworten, da Abhängigkeit keinen wünschenswerten Zustand darstellt. Psychotherapie, Entspannungstechniken, Autogenes Training, Yoga, Tat Chi, Wanderungen in freier Natur, Haustiere usw. würde ich in je-dem Falle vorziehen.

MM

Neurose

Als wirksamster Widerstand kann die Neurose Angst lindern oder vermeiden. Die Neurose pervertiert durch kausale und konditionale Verknüpfungen die freie Wahrnehmung in gebundene mentale Konzepte. Das Selbst und die Umwelt werden nicht mehr wahrgenommen sondern gewertet. Damit wird durch die Neurose nicht Angst abgebaut, sondern im Gegenteil neue Angst erzeugt. Es entstehen Projektion,  Übertragung, und eine Identifikation mit dem konstruierten Objekt. In der projektiven Identifikation wird das von der eigenen Wertung gezeugte Objekt als Realität wahrgenommen, und darauf mit positiver oder negativer Identifikation reagiert. Auf diese Art wird nur das eigene mentale Konzept der Realität gelebt, und das Verhalten unterordnet sich dem Widerstand. Die Neurose pervertiert das Ueberbewusstsein zu einer kritisierenden, einschränkenden Instanz und zwingt das Unterbewusste zu selbstsabotierenden Handlungen und Verhalten. Das sadistische Über-Ich verhindert Intimität und Freiheit durch Zwang. Das rebellische innere Kind sabotiert Autonomie und stört die Ordnung im System durch Verweigerung. Die zwischenmenschliche Beziehung wird durch Zwang und Trotz zum Machtkampf.

Das mentale Konzept verunmöglicht die Wahrnehmung des von ihm selber geschaffenen neurotischen Verhaltens. Neurose ist in sich selber eine Illusion und erzeugt  aus sich selber Illusionen. Die Angst-Vermeidung schafft neue Angst, neuen Widerstand und neue Konzepte.

Enttäuschung

Die vermiedene oder verdrängte Angst schafft eine Täuschung, denn die Angst-Spannung ist nur durch das neurotische Verhalten oder die neurotisch geprägte Kognition ersetzt und nicht aufgelöst. So entstehen beispielsweise bei der Zwangsneurose oder Sucht ein Wechselspiel von Angst und Zwangs-Handlung, bei der Depression ein Wechselspiel von Angst und Zwangs-Cognition. Während der Zwangshandlung oder dem Grübeln ist die Angst jeweils nicht spürbar. Wohltuend ist die Pause vor der Angst, schmerzhaft aber ist die Auflösung der Täuschung, wenn die Angst oder die Symptomatik ihrer Konversion wieder aktiv ist. Diese Ent-Täuschung erzeugt neue starke Gefühle, die ihrerseits wieder verdrängt werden müssen.

HTH

Neurosen und Enttäuschung. Neurosen entstehen, weil man die Angst aufsteigen spürt und sie vermeiden will. Eine neurotische also zwanghafte Ersatzhandlung zögert den Eintritt der Angst hinaus und vermeidet sie kurzfristig. Die Angst verschwindet aber dadurch nicht, sondern taucht anderswo auf. Neue Ängste entstehen, die durch neue Neurosen bekämpft werden. Ein immer engerer und schnellerer Kreislauf ergibt sich. Die zuerst gehegte Hoffnung, mit der Neurose die Angst besiegt zu haben, entpuppt sich als Täuschung. Wenn das beim nächsten Angstanfall erkannt ist, kommt es zur Ent-täuschung, d.h. die Täuschung löst sich auf und die Angst ist wieder da. Die sucht man wiederum zu verdrängen usw.

Der Rest des Textes von Marc Melchert bedarf meiner Meinung nach keine zusätzlichen Erläuterungen und bietet eine Zusammenfassung der schon besprochenen Grundthesen.

MM

Abhängigkeit

Eine Therapie darf nicht wie die Neurose als einziges Ziel haben, Angst aufzuheben oder zu vermeiden. Der die Angst vermeidende Therapeut macht einen sinnlosen Dressurakt und imitiert die Neurose. Es entsteht Abhängigkeit in einer symbiotischen Beziehung mit den dazugehörigen Schuldgefühlen beim Wunsch nach Autonomie. Somit wird ein ursprüngliches Trauma wiederholt, eine Polarisierung und Differenzierung wird abermals vermieden.

Therapie, die Angst vermeidet oder verdrängt, erzeugt gleich wie die Neurose einen Kreislauf von Hoffnung und Enttäuschung.

Initiation

Therapie ist das Begleiten eines Menschen in seinem Entwicklungsprozess, der durch eine Krise, durch einen Konflikt, ausgelöst wird. Durch die Unterstützung der inneren Motivation wird der Neurose ein Gegenpol ermöglicht. Das Wertungs-System wird aufgezeigt und entschlüsselt, damit unverfälschte Wahrnehmung wieder stattfinden kann. Therapie muss zum Ziel haben, die Angst zu entdecken. Angst will erfahren und wahrgenommen werden, sie braucht Zeit und Raum, um auszureifen und um sich weiter zu differenzieren. Dies kann nur geschehen, wenn die Angst ausgehalten wird. Die Differenzierung der Angst in ihre immanenten Empfindungen und das Ausreifen einer wertfreien Wahrnehmung führen zu einer wahren Transzendenz, einem Überschreiten auf eine andere, differenziertere Bewusstseinsebene. Diese Ebene hat nicht nur ein quantitativ erweitertes sondern vorallem ein qualitativ verändertes Bewusstsein. Das Selbst wird wieder wahrgenommen. Das Wahrnehmen von Empfindungen im Selbst ist die Transformation der Angst. Diese verwandelte Angst ist Lebendigkeit. Das Aushalten von Angst ist wie ein Tod und gleichzeitig ist es der Beginn von neuem Leben. Die Therapie wird zu einem Pilgerweg, der Therapeut zu einem Wegbegleiter. Stationen des Pilgerweges sind das Erkennen des Widerstandes gegenüber Empfindungen und das Aushalten der Angst.

Ausblick

Die Wahrnehmung erzeugt Empfindungen, diese bilden in sich und in ihrer Vielfalt Polarität. Sie sind weder noch und sowohl als auch. Im Versuch die Polarität zu kontrollieren, entsteht genuine Angst. Diese Angst wird durch Widerstand neutralisiert. Die Neurose ist gelungener Widerstand mit Nebenwirkung: sie verfremdet Wahrnehmung durch Wertung und sabotiert somit innerpsychische und interpsychische Prozesse. Das Aushalten von Angst ermöglicht die Wahrnehmung von Empfindungen und das Leben von Polarität. Das Aushalten von Angst ist gleichzeitig Sterben und Leben, weder noch und sowohl als auch. Nur der Tod führt zur Wiedergeburt, und beides findet im jetzigen Leben statt.

Es ist
weder das weder-noch
noch das sowohl-als-auch
Es ist
sowohl das weder-noch
als auch das sowohl-als-auch

Marc Melchert

HTH

Vergessen Sie es nicht: Hier wird eine echte Lösung aufgezeigt. Einmaliges Lesen genügt natürlich nicht. Bewahren Sie den Text also gut auf, man wächst nämlich in ihn hinein.

H.T. Hakl

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